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Presseinformation - Wien, 25. Februar 2013

Ruf nach persönlichem Budget für Menschen mit intellektueller Behinderung

Am 21. Februar 2013 veranstaltete die IVS Wien, Interessensvertretung sozialer Dienstleistungsunternehmen für Menschen mit Behinderung, die Tagung „Persönliches Budget – Möglichkeiten und Chancen".

Anhand konkreter Beispiele aus Deutschland wurde aufgezeigt wie das Modell hervorragend als Alternative zu Sachleistungen funktionieren kann, in anschließenden Workshops wurde die Umsetzung in Österreich diskutiert. Unter den 80 TeilnehmerInnen waren Betroffene sowie Vertreter von Institutionen und Geldgebern. Resümee der Veranstaltung, die im KunstSozialraum der Caritas Wien stattfand: Im Sinne der UN-Konvention muss es auch in Österreich Zugang zu persönlichen Budgets für alle Menschen mit Behinderung geben.

Die UN-Konvention, zu deren Umsetzung sich Österreich verpflichtet hat, sieht vor, allen Menschen mit Behinderung eine maximale Selbstbestimmung zu ermöglichen. Ein Lösungsansatz ist das persönliche Budget, das hierzulande bislang jedoch ausschließlich für Menschen mit Körperbehinderung umgesetzt wird. In den Vorreiterländern Skandinaviens und den Niederlanden wird das Modell seit über 20 Jahren erfolgreich umgesetzt. Auch in Deutschland hat man positive Erfahrungen gemacht: aktuell gibt es dort rund 15.000 persönliche Budgets, wobei die Höhe je nach Unterstützungsbedarf jeweils zwischen 150 und 10.000 Euro pro Monat variiert.

Persönliches Budget als Alternative
Im herkömmlichen Sozialleistungsdreieck „Antragsteller – Behörde – sozialer Dienstleister" erhalten Betroffene kein Geld, sondern sind Empfänger einer Sachleistung. Wohnort, Mitbewohner oder gar Betreuer können in der Regel nicht individuell ausgesucht werden.
Anders das Modell des persönlichen Budgets, wo die Betroffenen bzw. deren Sachwalter direkt den Antrag bei der Behörde stellen, mit dieser den Leistungsbedarf erheben und in der Folge das genehmigte Budget selbstbestimmt für die Bereiche „Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Pflege" einsetzen können. Das persönliche Budget darf dabei weder die Kosten der Sachleistungen übersteigen, noch dürfen Eltern, Angehörige bzw. Sachwalter ihre Wohnleistungen in Rechnung stellen.

Menschen statt Akten
Die Diplom-Sozialarbeiterin Stephanie Franken, die seit über 25 Jahren in der Lebenshilfe Oberhausen aktiv ist, hat mit dem Modell sehr positive Erfahrungen gemacht. „Das persönliche Budget ist in Deutschland ein Rechtsanspruch, der nicht verweigert werden darf.
Die Behörden müssen die Anträge unabhängig von Alter und Behinderungsgrad innerhalb von zwei Wochen bearbeiten und sind zudem verpflichtet, sich mit dem Antragsteller und seinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. „Ein AHA-Effekt für alle", so Franken, denn „früher haben die Beamten die Menschen mit Behinderung nur aus Akten gekannt, jetzt sitzen sie plötzlich gemeinsam mit ihnen an einem Tisch!"

„Jeder kann selbst bestimmen, wer ihm hilft, und wann und wo er die Hilfe bekommt", bringt Leo Pyto-Greco, selbst ein Betroffener, die Vorteile des persönlichen Budgets auf den Punkt. Seine Erfahrung stellt er anderen Menschen im Tandem mit Stephanie Franken als Budget-Berater zur Verfügung. „Oft geht es dabei um das Finden von Lösungen, die es noch nicht gibt", ergänzt Stephanie Franken.

Den positiven Effekt des Modells, das sowohl Selbstständigkeit als auch Lebensqualität steigert, belegen zudem wissenschaftliche Studien: 78 Prozent jener Menschen, die über ein persönliches Budget verfügen, sind deutlich zufriedener.

„Bei uns läuft das schon ganz gut", meint die Düsseldorfer Budgetberaterin und -assistentin Andrea Auner. Doch damit es funktioniert, braucht es vor allem gute Netzwerke und den Willen zum Umdenken auf allen Ebenen. Sie berichtet, dass große Anbieter wie etwa die Lebenshilfe sich bereits umorientieren und nun versuchen, maßgeschneiderte Angebote für Menschen, die ein persönliches Budget zur Verfügung haben, anzubieten. „Tun sie das nicht, verlieren sie Kunden und kreative Mitarbeiter, die dann eigene Firmen gründen und
individuelle Leistungen anbieten", so die Insiderin.

Schritt zu mehr Selbständigkeit
„Das persönliche Budget war für mich ein großer Schritt in die Selbständigkeit", erinnert sich Alfonso Roman-Barbás, Mitbegründer des Zentrums Selbstbestimmtes Leben Düsseldorf, „im Unterschied zu früher, wo mir Pflegedienste vor die Nase gesetzt wurden, kann ich heute selber entscheiden, wer mir den Po abputzt". Heute kann er dank des persönlichen Budgets Menschen seines Vertrauens dazu beauftragen und ist noch dazu sein eigener Chef: Der Rollstuhlfahrer lebt seit 2002 in einer eigenen Wohnung mit Assistenz und bietet als
Mediator, PeerCounceler und Berater für persönliches Budget Beratung auf Augenhöhe.

Sabine Bay, Beauftragte der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung des Gesundheitsamtes Düsseldorf, „Auch wenn sich alle Mühe geben, so sind die Herausforderungen doch sehr groß, vor allem auch, weil die Verwaltung darauf vertrauen muss, dass es funktioniert". In Düsseldorf startete man mit einem Pilotprojekt und 42 Personen. Aktuell werden in der 600.000 Einwohnerstadt 45 persönliche Budgets vergeben. Ihr Fazit: Das persönliche Budget eignet sich hervorragend für Teilleistungen, die eine personenzentrierte Zukunftsplanung ermöglichen.

Ruf nach Pilotprojekt in Wien
IVS-Sprecher Robert Mittermair sieht in dem Modell eine große Chance, um Menschen mit Behinderung eine dringend notwendige Ergänzung zu bestehenden Angeboten zu bieten. „Die Wiener Behindertenhilfe ist in vielen Bereichen gut aufgestellt, umso mehr wünschen wir uns von Seiten der Geldgeber mehr Mut, neue Projekte auszuprobieren und damit dem Image einer zukunftsorientierten Behindertenpolitik besser gerecht zu werden. Ein Pilotprojekt wie in Düsseldorf wäre ein erster Schritt", so Mittermair, „man sollte dazu die
bewährte Pflegegeld-Ergänzungsleistung, die bislang ausschließlich Menschen mit Körperbehinderung offen steht, in einem Pilotprojekt auf alle Menschen mit Behinderung ausweiten.

Die Ergebnisse der Tagung sind in Kürze auf der Website IVS Wien abrufbar, zudem sind Interessierte eingeladen, am IVS-Blog ihre Meinung einzubringen.

IVS Wien - Daten und Fakten
Die im Mai 2011 gegründete "Interessensvertretung sozialer Dienstleistungsunternehmen für Menschen mit Behinderung" (IVS Wien) gestaltet und entwickelt verbesserte Rahmenbedingungen für die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Die IVS formiert sich aus 17 Wiener Sozialeinrichtungen, die im Auftrag der Stadt Wien, Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung erbringen. Das Ziel des Vereins ist, aktiv die zukünftige Entwicklung der politischen und gesetzlichen Parameter in Wien mitzubestimmen und die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung umzusetzen. Die IVS Wien leistet einen wichtigen Beitrag, damit Betroffene als BürgerInnen an der Gesellschaft teilhaben können und schafft somit mehr Lebensqualität. Der Verein zeichnet sich durch gebündeltes Fachwissen, hohen Qualitätsanspruch, politische Unabhängigkeit und Offenheit aus.

Foto 1: „Die Sprecher und Organisatoren der Tagung"
Vlnr: Alfonso Roman-Barbás, Robert Mittermair, Andrea Auner, Stefanie Franken,
Leo Pyto- Greca, Sabine Bay, Walter Hiller, Wolfgang Waldmüller

Foto 2: Alfonso Roman-Barbás: „Mit dem persönlichen Budget bin ich mein eigener Chef"

    

Fotorechte: comm:unications, Abdruck honorarfrei

Presserückfragen-Hinweis:
IVS Wien, Robert Mittermair, Vorstandssprecher
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